Winterthur-Seen

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Exkursion an den Flachsee und die Stille Reuss bei Rottenschwil

Pünktlich zum Exkursionsbeginn kurz vor 9 Uhr hatten sich die Regenwolken über dem zürcherisch-aargauischen Reusstal ausgeregnet, womit ideale Bedingungen für eine Herbstexkursion herrschten: Die Beobachtungsoptik wird weder verregnet noch kann sie beschlagen, man hat aber (aus Beobachterperspektive) das Glück, dass das Artenspektrum oft groß ist, weil Zugvögel durch das schlechte Wetter zur Rast gezwungen worden sind (sog. «Zugstau»). Von Rottenschwil aus marschierte unsere 14 Frau/Mann starke Gruppe daher erwartungsvoll Richtung Ostseite des Flachsees, wo wir schon bald von Eisvogel, Silberreiher und verschiedenen Entenarten begrüßt wurden. In diesem Habitat sehr unerwartet war ein Schwarzspecht, der nur einen Steinwurf von uns entfernt in einem Baum herumkletterte, ehe er – aufgrund seiner enormen Größe einer Krähe nicht unähnlich – davonflog. In den Baum- und Buschbeständen, die den Flachsee auf der Unterlunkhofener Seite säumen, entdeckten wir einige wenige Singvögel wie Laubsänger und Grasmücken, doch blieb die Ausbeute bzgl. der Zahlen und der Artenvielfalt hinter den Erwartungen zurück. Aus dem geräumigen Hide ließen sich die Unterschiede zwischen den Weibchen der häufigeren Schwimmentenarten im Fernrohr gut erkennen. Auf Drähten über der Wasseroberfläche ruhten Rauch- und vereinzelte Uferschwalben; hin und wieder posierte der Eisvogel. Leider hatte der Regen die Reuss so stark anschwellen lassen, dass die tiefergelegenen Schlickflächen verschwunden waren und sich vor dem Hide keine Limikolen zeigten. Als sich das Hide bald stark füllte, entschieden wir uns weiterzugehen, um den Neuankömmlingen Platz zu machen und später einen der praktischen Beobachtungshügel weiter nördlich «kapern» zu können. Unterwegs entdeckten wir Bekassinen und kleine Pulli hudernde Haubentaucher; daneben konnten wir Rufe und Gesang der Sumpfmeise repetieren. In einer größeren, seichten Bucht beim Beobachtungshügel ruhten mehr als sechzig Kiebitze, unter denen auch weitere Bekassinen und – zu unserer großen Überraschung und Freude – auch zwei diesjährige Stelzenläufer zu sehen waren!

2017-09-10 Stelzenlaufer Flachsee 2


Während diese mediterrane Art mit den ellenlangen Beinen im Frühling regelmäßiger in unseren Feuchtgebieten anzutreffen ist (meist Vögel, die bei der Rückkehr in ihre Brutgebiete «über das Ziel hinausschießen» und dann zu weit nördlich landen), haben Beobachtungen im Herbst (und erst noch von Jungvögeln) Seltenheitsstatus. Wir konnten die beiden Vögel ausgiebig beobachten und bemerkten, dass einer der beiden einen Aluring trug. Leider war er für eine Ablesung zu weit weg, so dass die genaue Herkunft wohl im Dunkeln bleiben wird. Nach dieser Überraschung (die wir vielleicht dem Phänomen Zugstau zu verdanken haben?) meldete sich bald der Hunger und wir entschieden uns zu einem verfrühten Zmittag mit Ausblick auf den nördlichen Teil des Flachsees. Neben kulinarischen Leckerbissen gab es dabei auch solche ornithologischer Natur: Wenige Meter vor uns zeigten sich in einem Busch ein Trauerschnäpper, Schwanzmeisen und (eher artuntypisch) ein Steinschmätzer, auf den Inseln posierten Graugänse, Silber- und Seidenreiher und im Flachwasserbereich suchten zwei diesjährige Schwarzkopfmöwen im Verband mit Lachmöwen nach Nahrung. Hin und wieder flog ein Flussuferläufer umher und auch die Stelzenläufer grüßten nochmals im Vorbeifliegen, wobei sie ihre weit über die Schwanzfedern hinausragenden Beine zeigten. Getrieben von der Aussicht auf Koffein (und eine Toilette) traten wir bald danach die Rückkehr nach Rottenschwil an. Unterwegs hörten wir eine Wasserralle, sahen einen (im Reusstal erstaunlich seltenen!) Großen Brachvogel und machten am Himmel Weißstorch, Sperber und einige weitere lokale Greifvögel aus. Trotz strahlenden Sonnenscheins waren aber leider weit und breit keine aktiv ziehenden Vögel zu sehen, was sich leider für den Rest des Tages nicht mehr ändern sollte. Im Landgasthof «Hecht» in Rottenschwil genossen wir Café crème & Konsorten und tankten Energie für die zweite Etappe der Exkursion, die uns um die Stille Reuss führte. Gleich hinter der Hauptstrasse des Dorfes wird die Sicht auf den artenreichen Altarm mit Schilfbeständen und einer ökologisch aufgewerteten Fläche mit Tümpeln und vernässten Stellen frei. Von einem Beobachtungshügel aus konnten wir Teile des Gebietes gut überblicken und dabei zwei Baumfalken ausgiebig bei ihren imponierend wendigen Jagdflügen beobachten. Dank Reginas odonatologischen Bemühungen wussten wir, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit Herbst-Mosaikjungfern erbeuteten. Zwischendurch zeigten sich auch Turmfalken und Sperber, so dass wir uns in der Bestimmung kleinerer Greifvögel und Falken üben konnten. Am eigentlichen Altarm konnten wir mit Graugänsen, Weißstörchen, Bekassinen und Schnatterenten einige bereits am Vormittag festgestellte Arten nochmals eingehender studieren.
Obschon der Regen des Vortages und der Nacht offensichtlich keinen klassischen Zugstau verursacht hatte und gerade Limikolen und Singvögel eher schwach vertreten waren, traten wir nach 16 Uhr mit vielen schönen Beobachtungen und anregenden Gesprächen im Gepäck zufrieden die Heimreise nach Winterthur an.

Patrick Mächler

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