Winterthur-Seen

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Hallo Vogel!
Vereinsreise an den Neusiedlersee

26. April – 6. Mai 2013
Leitung: Brigitte Hofmann und Janòs Világosi
Bericht: Silvie Weber

Je dringlicher das „Hallo“ unseres Leiters Janòs, desto grösser die Aufmerksamkeit der Gruppe, denn das hiess, dass er zu Lande, zu Wasser oder in der Luft eine seltene Art aufgespürt hatte. Sein Ruf wird der Gruppe wohl ebenso lange in Erinnerung bleiben wie die unglaubliche Vielfalt der Natur am Neusiedlersee. Aber der Reihe nach.

Am Abend des 26. April steigt eine gut gelaunte Gruppe von 20 Personen in den Nachtzug nach Wien, wo sie vom ungarischen Leiter Janòs Világosi in Empfang genommen wird. Per Bus geht die Fahrt weiter ostwärts, über die Grenze ins ungarische Hegykö oder Heiligenstein. Wie der Name schon sagt, nebenbei auch eine geschichtsträchtige Gegend. In einem bequemen Hotel beziehen wir für eine Woche Quartier.

Hegykö liegt am Neusiedlersee, der aber wegen seines Schilfgürtels – nach dem Donaudelta das grösste zusammenhängende Schilfgebiet in Europa – nicht leicht zu erkennen ist. Besonders Unternehmungslustige sind denn auch, ausser Programm, schon bei Sonnenaufgang im nahen Schilf unterwegs. Ungewohnt für Schweizer Ohren auch der intensive Morgengesang von Pirol, Nachtigall und vielen anderen im nahe gelegenen Wäldchen. So intensiv, dass einige schon bald über den Geräuschpegel klagen. So ändert sich der Mensch!

Da die Naturparks beidseits der österreichisch-ungarischen Grenze liegen, pendeln wir jeden Tag über den Kanal von Pamhagen, einst die eiserne Grenze, von einem Land ins andere. Wir erkunden ihn an einem Morgen und geniessen den heiteren Gesang von unzähligen Schilfrohrsängern. Auf den täglichen Busfahrten wird uns klar, was wir in der Schweiz bereits verloren haben. In Wiesen und Feldern tummeln sich Fasane, Rebhühner und Feldhasen, Graugänse sind mit der Jungmannschaft unterwegs, das seltene und geschützte Ziesel lässt sich hin und wieder blicken. Bequem im Bus sitzend sind in der Luft Weihen und Mäusebussarde zu beobachten.

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Der österreichische Nationalpark Neusiedlersee–Seewinkel und der ungarische Fertő-Hanság Nemzeti Parkwurden 2001 zum UNESCO-Welterbe ernannt. In dieses Gebiet ging denn auch mehrmals die Reise. Im Hanság befinden sich wertvolle Niedermoorlandschaften. Wir erkunden eine Teichgegend, wo wir verschiedene Reiherarten, Möwen- und Seeschwalbenarten entdecken. Auf unseren Wanderungen durch die Heide kreuzen wir immer wieder Graugänse mit ihren Jungen, hin und wieder leuchten gelbe Tupfer auf, Schafstelzen. In der Luft reger Verkehr. Uferschnepfen wechseln von einem Tümpel zum andern. Die von Hecken durchzogene Landschaft bietet auch andere Kostbarkeiten: Sperbergrasmücke Grauammer und Haubenlerche werden gesichtet.

Zwischen dem Ostufer des Neusiedler Sees und dem Hanság liegen etwa 45 sogenannte Lacken, Salzseen mit wechselndem Wasserstand, die im Sommer vollständig austrocknen können. Wir besuchen mehrmals verschiedene Lacken, darunter auch die grösste, die Lange Lacke bei Apleton. Jedes Mal eröffnet sich ein neues Eldorado: Uferschnepfen, Rotschenkel, dunkle Wasserläufer, Kampfläufer, Säbelschnäbler, Stelzenläufer, Seeregenpfeifer sind teilweise ganz aus der Nähe zu beobachten. Ein Higlight, der Kampfläufer in voller Positur! Die Liste ist bei weitem nicht vollständig. Leises Neidgefühl macht sich denn auch hin und wieder breit!

Die Parndorfer Heide ist der Rest einer einst großflächigen Hutweide, wovon etwa 7,5 ha als Naturschutzgebiet ausgewiesen sind. Sie wird von Graurindern „instand“ gehalten. Idealer Lebensraum für eine der grössten Ziesel-Kolonien des Burgenlands. Und hier brütet auch die Grosstrappe. Etwa 70 soll es geben. Bei heftigem Wind und bedecktem Himmel machen wir uns auf, unsicher, ob wir die Vögel überhaupt zu Gesicht bekommen würden. Doch die Zweifel sind vergebens. Kaum ausgestiegen, erspähen wir in der Ferne mehrere der majestätischen Vögel, zum Teil in typischer Balzhaltung. Und zur Krönung heben zwei sogar ab und demonstrieren ihr Flugvermögen. Ein Wunder, dass der schwerste Vogel der Welt überhaupt fliegen kann!

Wir besuchen auch das Naturschutzgebiet von Köszeg. Als der eiserne Vorhang noch bestand, wurde hier kaum Intensivlandschaft betrieben, so dass die ursprüngliche Zusammensetzung der Arten, Eiche und Hainbuche, als Niederwand erhalten blieb. Auf einem Streifzug suchen wir verschiedene Spechtarten, Neuntöter und Gartenrotschwanz. Das Mittagessen wird uns in Form einer kalten Platte in einem kleinen Weinkeller serviert, anschliessende Degustation der Gewächse inbegriffen.

Nach einem Ausflug ins Sopron-Gebirge, einer abwechslungsreichen Landschaft mit verschiedenen Lebensräumen geniessen wir ein üppiges Mittagessen in den Hügeln von Sopron oder Ödenburg. Janòs zeigt uns hernach mit Stolz die schön renovierte Altstadt, die wir nachher auf eigene Faust erkunden, Gelegenheit für den Kauf der berühmten ungarischen Wurst und anderen Kleinigkeiten.

Ein weiteres Highlight ist die Fahrt durch ein Weinbaugebiet mit abwechslungsreichen Strukturen, wo wir schon beim Aufstieg zum Brutfelsen die ersten Bienenfresser beobachten können. Wir bleiben einige Zeit in der Nähe und halten nach den schönen Vögeln Ausschau. Der Besuch von Schloss Esterhazy, dem prächtigsten barocken Sommerschloss Mitteleuropas, rundet den Tag ab. Sehenswert nicht nur das prachtvolle Innere, sondern auch die stattliche Mehlschwalbenkolonie. Die Vögel haben ihre Nester an den Voluten von Fenstern und Balkonen gebaut. Ein ungewohnter Anblick für Schweizer Augen! Auf dem Schlossdach und im Park tummeln sich Dohlen, Buntspechte können erspäht werden.

Schliesslich fahren wir bei schönstem Wetter an die slowakische Grenze zur March. Bratislava winkt in der Ferne. Die March mit ihrer Auenlandschaft, den Wäldern, dem Altwasser, ist eines der letzten grossen Rückzugsgebiete für seltene Tiere und Pflanzen in Europa. Wir wandern dem Fluss entlang und beobachten den Himmel und die Flusswildnis. Am gegenüberliegenden Ufer entdecken wir eine imposante Weissstorchkolonie in abgestorbenen Bäumen. Störche sind eigentlich Baumbrüter, und hier verfügen sie noch über ihr ursprüngliches Biotop. Dann erscheinen Schwarzstörche am Himmel. Und plötzlich Janos’ Stimme: „Hallo, schwarze Wolke rechts, Adler kommt, …“ Tatsächlich entdecken wir nach seinen Anweisungen kleine Silhouetten, Schelladler, die weit oben ihre Kreise ziehen. In den unteren Himmelsregionen zeigen sich Schwarzmilane und Mäusebussarde.

In den Hainburger Auen sollte 1984 ein Kraftwerk errichtet werden. Die Proteste waren jedoch so massiv, dass die österreichische Bundesregierung das Projekt schliesslich zurückzog. Auf einer Wanderung durch das Auengebiet mit seinen gewaltigen Bäumen entlang der ruhig ziehenden Donau können wir ermessen, welche Schätze bewahrt werden konnten!

In Wiens grossstädtischem Trubel kommt die Reise in einer typisch quirligen Bierwirtschaft, natürlich bei Wienerschnitzel, zu einem würdigen Abschluss. Was für ein Gegensatz zu den stillen, malerischen Dörfern des Burgenlandes und den wenig besiedelten Gebieten Westungarns, die wir auf unserer Reise durchstreift haben. Nach dem Dank an Janòs und unseren Fahrer für die die unvergesslichen Erlebnisse, die sie uns vermittelt haben, besteigen wir spätabends den Nachtzug zurück in die Schweiz.

 

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