Winterthur-Seen

Winterthur-Seen

19. April - 4. Mai 1997: Polen

 

Tagebuch: - Szczecin-Danzig - Masuren - Biebrza-Narew-Gebiet - Bialowieza
Artenliste: - Vögel

Samstag, 19. April                Winterthur - Nachtzug Richtung Berlin
Bei der Abfahrt ab Winterthur mit der S12 wird unsere Gruppe schon fast schmerzhaft getrennt: Wir haben uns alle am gleichen Eingang versammelt und dabei nicht bedacht, dass das Einsteigen mit unserem ganzen Gepäck bedeutend schwieriger ist, als wenn man nur mit einem Mäppchen Richtung Zürich reist. Die Reise ab Zürich 19.50 Uhr mit dem City Night Line nach Berlin verläuft ohne jegliche Zwischenfälle.

Sonntag, 20. April                Berlin - Szczecin - Leba
Mehr oder weniger gut ausgeruht kommen wir pünktlich um 7.35 Uhr in Berlin Zoo an. Die Fahrt mit der S-Bahn zum Bahnhof Berlin Hauptbahnhof durch das Zentrum von Berlin (zur Zeit eine riesige Baustelle) verläuft ohne Probleme. Mit dem Regionalzug fahren wir weiter nach Angermünde und mit einem weiteren Regionalzug (als fast einzige Passagiere) nach Szczecin (Stettin). Auf der Fahrt freuen wir uns über die vielen Feuchtgebiete mit der entsprechenden Zahl von Rohrweihen. Bei der Ankunft in Szczecin Gumience um 11.50 Uhr werden wir von Przemyslaw Bielicki mit dem Bus erwartet. Der Bus ist nicht mehr gerade der Jüngste, aber der Chauffeur wird sich dafür auf der ganzen Reise nie scheuen, selbst den schlechtesten noch befahrbaren Waldweg mit uns zu befahren und mit seinen Wendemanövern unsere Nackenhaare in einen gesträubten Zustand zu versetzen. Unterbrochen von einem guten Mittagessen fahren wir mit dem Bus die ca. 270 km entlang der polnischen Ostseeküste über Koszalin nach Leba zum Slowinski-Nationalpark. Hier übernachten wir im Hotel Wodnik, ein angenehmes Hotel mit grossen Zimmern, an welches wir uns vor allem am Ende der Reise noch sehnsüchtig erinnern werden.

Montag, 21. April                Slowinski-Nationalpark
An der Morgenexkursion mit Tomek, dem jungen polnischen Ornithologen, der uns in Leba erwartet hat, nehmen nur wenige hartgesottene Ornis teil. Das Wetter ist winterlich, entsprechend passt die Beobachtung der Eisenten, welche offensichtlich problemlos im eiskalten Wasser schaukeln. Tomek, dessen ornithologische Karriere bisher vor allem in Ostpolen stattgefunden hat, kann bereits einen Lifer verbuchen: den Gartenbaumläufer.
Bei der gemeinsamen Tagesexkursion in den grossen Slowinski-Nationalpark nach dem Morgenessen können wir am Südrand des riesigen Gardno-Sees grosse Mengen von Enten beobachten. Eine Wanderung entlang dem kleinen und grossen Dolgie-See bringt uns ans Meer mit eindrücklichen Wald- und Moorrelikten im Wasser. Die Nachmittagsexkursion zeigt, wie heimtückisch die polnische Angabe "drei Kilometer" ist, jedenfalls kommen wir erst nach 20.00 Uhr und nicht schon um 18.30 Uhr zum Nachtessen.

Dienstag, 22. April                Slowinski-Nationalpark
Heute besuchen wir nochmals den 186 Quadratkilometer grossen Slowinski-Nationalpark. Dieser umfasst einen 32 km langen Küstenabschnitt, das kleine Fischer- und Touristendorf Rowy, zwei von Sumpf, Weiden und Wald umgebene grosse Seen im Süden (Lebsko- und Gradnosee). Mit seiner grossen Anzahl an verschiedenen Biotopen (Wälder, Seen, Sümpfe, Meer, Küsten, Strände, Dünen und eine Miniaturwüste) ist er einer der ungewöhnlichsten Nationalparks in Polen. Das Gebiet wurde 1997 von der UNESCO in das Verzeichnis der weltweit bedeutenden Biosphärenreservate aufgenommen. Hauptattraktion des Parks sind die Wanderdünen. Die grösste von ihnen bedeckt eine Fläche von 5 Quadratkilometern und ist 40 Meter hoch. Leider müssen 3 Personen wegen Gesundheitsproblemen auf die Exkursion verzichten, respektive diese abkürzen. Die Teilnehmenden werden belohnt durch ausgezeichnete Beobachtungen von Seeadlern. Trotz schlechter Wetterprognosen ist es schön und sonnig.

 

Mittwoch, 23. April                Leba - Halbinsel Hel - Danzig
Den abenteuerlichen ersten Teil des Tagesprogramms bildet der Einkauf im Bernsteinladen, welcher von Cécile am Vorabend gefunden worden ist. Als wir ankommen, ist der Laden noch nicht geöffnet. Trotz des Hundes öffnet Cécile das Gartentor, tritt ein und läutet den Ladeninhaber (noch im Morgenmantel) auf den Balkon hinaus. Nach einer mittleren Einkaufsorgie fahren wir zur Halbinsel Hel (ca. 80 km) zur Beobachtung von Zugvögeln. Die Halbinsel Hel ragt wie ein lange, dünner Finger auf 34 km in südöstlicher Richtung in die Bucht von Danzig hinein. Im Hafen von Wladislawowo können wir Meerenten und Mittelsäger sehr schön beobachten, ein Beobachtungsstopp am Anfang der Halbinsel bringt Limikolen und der Hafen von Hel bringt grosse Mengen von Eisenten und Trauerenten auf ganz ungewohnte nahe Distanz. Bei der Rückfahrt von der Spitze der wunderschönen Halbinsel besuchen wir eine der ältesten polnischen Beringungsstationen. Am Nachmittag Weiterfahrt nach Danzig (ca. 100 km), am Abend Spaziergang in der Altstadt, Übernachtung in Danzig (polnisch Gdansk) in einem modernen Hotelhochhaus, dem Hotel Hevelius. Das Nachtessen nehmen wir in einem charaktervollen Lokal in der Altstadt ein.

Donnerstag, 24. April                Danzig - Masuren
Abfahrt nach Masuren (Gesamtstrecke ca. 270 km). Unterwegs beobachten wir an der Mündung des Flusses Wizla (Weichsel): Dieses Gebiet ist ein ständig wechselnder Komplex von Sandbänken, Dünen, Seen und Sumpf mit verschiedenen Möwen, Enten, durchziehenden Limikolen und Seeschwalben. Leider weht ein sehr starker Wind, welcher das Beobachten massiv erschwert. Einmal mehr zeigt sich, wie rasch gerade zur Zugzeit die Bedingungen wechseln können, denn als Tomek das Gebiet vor wenigen Tagen rekognosziert hat, hat er noch riesige Mengen von Limikoken beobachtet. Immerhin sehen wir zwei Säbelschnäbler, welche in dieser Gegend gar nicht zu den häufigen Arten zählen.
Bei der Rückkehr zum Bus wartet ein alter Mann mit einem klapprigen Velo auf uns. Er vrkauft die Bernsteinketten schon fast per Kilo, so dass sich auch die letzten bisher zum Kauf nicht entschlossenen noch eindecken können.
Eine längere Fahrt bei mässig schönem Wetter bringt uns in das Gebiet der masurischen Seenplatte. Die Übernachtung in der Gegend von Krutyn erfolgt in einem der originellsten Hotels von ganz Polen. Das "Mazurski Eden" ist geschmückt mit phantastischen Holzschnitzereien.
Vom Hotelgelände aus lassen sich exzellente Beobachtungen machen, zu sehen sind Seeadler und Prachttaucher.

Freitag, 25. April                Masuren - Wizna
Eine Exkursion vor dem Frühstück ist nicht besonders ergiebig. Dagegen können wir schon bald nach dem Losfahren eine sehr interessante Biberanlage besichtigen: Die Biber haben mit ihrem Damm einen Höhenunterschied des Wasserstandes von ca. 1,5 m erreicht und dadurch ca. 5 ha Land mitten im Wald versumpft. Danach folgen Beobachtungen im Gebiet der masurischen Seenplatte, vor allem am Sniardwy-See, dem grössten See Polens, und im Vogelreservat Luknajo-See. Das Wetter meint es nicht besonders gut mit uns, aber bei der Rückkehr vom Luknajo-See wartet ein äusserst interessantes Erlebnis auf uns: Der Bus ist auf einem heimtückischen Wendeplatz bis zur Achse in den Sand eingesunken. Einem von Przemek organisierten Traktor gelingt es schliesslich, den Bus wieder aus dem Sand zu ziehne, nachdem Hans Frei und Max Stalder ohne Rücksicht auf Verluste durch Schaufeln einen Teil des Sandes von der Hinterachse weggebuddelt haben.
Bei Nowe Guty unternehmen wir einen letzten Versuch, den Fischadler zu sehen. Statt dessen sehen wir eine Herde Kühe den steilen Hang zum See hinuntersausen und werden auf der Strasse von einem plötzlichen Regenschauer überrascht.
Gegen Abend fahren wir nach Wizna. Wir übernachten in der Pension PTOP, einem schönen und gut geführten Familienbetrieb, welcher speziell auf Ornithologen ausgerichtet ist.

In Wizna beginnt das eigentliche PTOP-Gebiet. Die Tatsache, dass in den neunziger Jahren in diesem Gebiet zwei wichtige Nationalparks gegründet wurden, zeigt einerseits, welchen ökologischen Wert das ganze Gebiet aufweist, anderseits aber auch, welch vorbildliche Anstrengungen Polen trotz schwieriger Wirtschaftslage auf dem Gebiet des Naturschutzes unternimmt.
Der 1994 gegründete Biebrza-Nationalpark ist mit einer Fläche von 592 qkm der grösste Nationalpark Polens. Er umfasst das Becken des Flusses Biebrza auf fast seiner gesamten Länge, von der Quelle nahe der weissrussischen Grenze bis zur Mündung in den Narew. Das Biebrza-Tal ist das grösste natürliche Sumpfgebiet in Mitteleuropa mit einem ausserordentlich reichen Wildbestand. So leben allein in diesem Gebiet etwa 700 Elche. Es wurden bisher im Gebiet mehr als 250 Vogelarten (150 davon brütend) nachgewiesen. Besonders attraktive Vogelarten des Gebietes sind grosse Gruppen balzender Kampfläufer, Schelladler, Kraniche, Wiesenweihe, Sumpfohreule, Blaukehlchen, Weissflügel- und Trauerseeschwalbe.
Der neu gegründete Narew-Nationalpark umfasst eine Fläche von 75 qkm. Der Park schützt den aussergewöhnlichsten Teil des Flusses: Der Fluss teilt sich auf in Dutzende von Wasserläufen, die sich auf ein Flusstal von 2 km Breite verteilen und eine grosse Anzahl sumpfiger Inseln bilden. Diese bilden einen idealen Lebensraum für den Biber, welcher mit etwa 250 Exemplaren 70 Biberburgen bewohnt. Die Burgen werden wir auf unserer Flussfahrt mit dem Stocherkahn sicher sehen, den Biber selbst nur mit viel Glück. Gerade angrenzend an den Nationalpark kauft der PTOP seit Jahren Land auf, um in weiteren Gebieten des Flusses wieder den ursprünglichen Zustand herstellen zu können.

 
Das Biebrza-Becken im Frühling   Elche

Samstag, 26. April                Biebrza-Becken - Gegend um Wizna
Nachdem er den Bus bis 5 Uhr morgens repariert hat, kommt unser Chauffeur rechtzeitig zur Abfahrt an und führt uns zuerst zu einer Überschwemmungsterrasse an der Narew, südlich von Wizna, wo wir einen Schwarm von ca. 250 Saat- und Blässgänsen beobachten können. Danach folgt ein Sanddünengebiet weiter südwestlich.
Auf der Westseite der Biebrza fahren wir danach zum Ort Brzostowo, wo wir von einem Beobachtungsturm aus das ganze Sumpftal sehr schön beobachten können. Allerdings ist es in diesem Jahr ausserordentlich trocken, normalerweise sollte zu dieser Jahreszeit das Tal auf etwa 14 km Breite überschwemmt sein.
Eine erfreuliche Beobachtung machen wir im kleinen Ort: Vor unseren Augen kommt ein sehr schmutziger Storch an, welcher den bereits anwesenden (offensichtlich sein Lebenspartner) herzlich begrüsst. Am Vortag hat uns Przemek einen Zeitungsartikel übersetzt. Danach ist ein Teil der polnischen Störche in diesem Frühjahr durch sehr schlechtes Wetter im Gebiet der türkisch-syrischen Grenze festgehalten worden und sogar gezwungen gewesen, nochmals Richtung Afrika zukehren. Offensichtlich kommen diese Störche gerade jetzt an und treffen ihre Partner an den traditionellen Nistplätzen.
Am Abend unternehmen wir eine erfolgreiche Doppelschnepfenexkursion. Wir können im Lichte unserer Taschenlampen etwa 20 dieser seltenen Limikolen bei ihrem eigenartigen Balzrennen beobachten.

Sonntag, 27. April                Biebrza-Südbecken
Die grosse Exkursion rund um das Südbecken der Biebrza beginnt mit einem Beobachtungshalt beim kleinen Ort Gora Strekowa, wo ein heute verfallenes Denkmal an den heldenhaften Widerstand einer kleinen polnischen Einheit gegen eine deutsche Übermacht im 2. Weltkrieg erinnert.
Im Ort Laskowiec wird eifrig der Gottesdienst besucht, wobei meist der Traktor als Transportmittel dient.
Unsere Gruppe wandert entlang der wenig befahrenen Strassen und freut sich bei warmem Frühlingswetter an den wunderschönen Feuchtwiesen. Im anschliessenden riesigen Erlenbruchwald können wir von einer Brücke aus den Waldwasserläufer in seinem Brutgebiet und diverse Biberburgen beobachten. Als nächsten Höhepunkt sehen wir einen jungen Elch auf ca. 10 Meter. Das gleiche Tier können wir von einem Beobachtungsturm aus beobachten, nun allerdings auf grosse Distanz.
Eine weitere Wanderung entlang der Strasse in der grossen Waldlichtung von Dobarz bringt eine schöne Schwarzstorchbeobachtung.
Beim Ort Goniadz überblicken wir nochmals das riesige Flusstal von oben und wandern dann hinunter zur Dammstrasse, die an diesem schönen Sonntag von einer grossen Menge von Sonntagsspaziergängern bevölkert ist. Nach kurzer Fahrt auf der westlichen Seite des Tales erreichen wir Mscichy. Die Wanderung auf einem guten Feldweg zwischen Feuchtwiesen gehört zu den erfolgreichsten Teilen der Reise: Wir sehen Beutelmeisen, Uferschnepfen, Blaukehlchen, meckernde Bekassinen, Wendehals, Kraniche, Silberreiher und einen adulten Seeadler.

Montag, 28. April                Narew-Nationalpark - Kanufahrt - Kombinat Wizna
Heute führt uns der Weg Richtung Narew. Auf einem Damm, auf welchem bis zum 2. Weltkrieg die Hauptstrasse Warschau - Bialystok verlief, wandern wir bis zum Narew. Hier machen sich zum ersten Mal die Insekten bemerkbar, welche 2 Wochen später die ständigen Begleiter von André Weiss auf der SVS-Reise sein werden. Eine längere Wanderung führt uns danach in das Narew-Projektgebiet der PTOP. Für uns ist es fast unglaublich, dass es möglich ist, mehrere hundert Hektaren Landwirtschaftland aufzukaufen. Mit Interesse sehen wir den ersten wieder erstellten Damm zur Verlangsamung des Wasserabflusses in einem der grossen Altarme. Dank diesem Damm ist der Wasserspiegel auf der Landseite etwas 1,5 Meter höher als beim Fluss Narew selbst. Zum ersten Mal seit 15 Jahren finden sich in den wieder feuchten Wiesen Limikolen ein.
Vor dem Mittagessen beobachten wir auf einer Wacholderheide den Brachpieper und fahren dann zurück nach Wizna.
Am Nachmittag meint es das Wetter nicht so gut mit uns. Entsprechend wird die geplante Fahrt mit dem Kanu etwas abgekürzt und nur von besonders beherzten Personen unter die Paddel genommen. Die Kanuten kommen dann auch schon nach einer Stunde am Treffpunkt an. Der Rest der Gruppe beobachtet ziehende Kampfläufer, die eine elektrische Leitung überqueren um dann gleich wieder auf Höhe der Wasseroberfläche zu sinken.
Nach der Bootsexkursion machen wir eine Fahrt durch das ehemalige riesige Kombinat Wizna. Dieses ist zu Beginn der achtziger Jahre Konkurs gegangen, die Wiesen werden heute an Bauern aus der Umgebung verpachtet. Die Kombinatsgebäude bieten einen traurigen Anblick.
Auf der Fahrt durch die riesigen Wiesen können wir neben Rehen auch einen Biber beobachten, welcher mit einem gewaltigen "Ränzler" ins Wasser eines Kanals verschwindet.
Als krönender Abschluss unseres Aufenthaltes in Wizna folgt ein Picknick auf einem Hügel beim Zusammenfluss von Biebrza und Narew. Ein gewaltiges Gewitter in etwas 10 km Entfernung macht den Abend äusserst eindrücklich, allerdings zwingt uns der einsetztende Regen zu einem ungeplant frühen Rückzug.

Dienstag, 29. April                Wizna - Bialystok - Bialowieza
Schweren Herzens verlassen wir das gastliche Wizna Richtung Bialowieza (ca. 160 km). Ein erster grosser Halt gilt einem Supermarkt in Bialystok, wo wir uns reichlich mit Proviant in fester und (falls nötig) flüssiger Form eindecken können. Eine schöne Wanderung bringt uns das ornithologisch wichtige Fischteichgebiet von Bialystok näher. Höhepunkt ist die Beobachtung eines Fischadlers, der seinen Fisch energisch gegen Möwen verteidigen muss, welche ihm die Beute abjagen wollen.
Auf einer Kopfsteinpflasterstrasse fahren wir zur weissrussischen Grenze, den letzten Teil entlang einer Lastwagenkolonne Richtung Moskau, die sich jetzt gerade nur auf 5 km vor der Grenze staut. Noch 2 Tage zuvor waren es etwa 14 km.
Die Fahrt entlang der Grenze (früher ein striktes Sperrgebiet) bringt eine Reihe von Seltenheiten (Wiedehopf, Blauracke, Wiesenweihe und sogar noch einen späten Zwergsäger) sowie einen Kuckuck, der während einigen hundert Metern der Strasse entlang fliegt, sich immer wieder auf die Leitungsdrähte direkt neben der Strasse setzt und sich damit ausgezeichnet präsentiert.
Einen weiteren Höhepunkt bietet der Siemianowka-Stausee, der uns schöne Beobachtungen von Schwarzstorch, 2 juvenilen Seeadlern, die wir längere Zeit beobachten können, und einem balzenden Birkhahn bietet.
Nach diesem wunderschönen Tag hat es die Pension "Unikat" schwer (sehr kleine Zimmer, zwei der Zimmer müssen WC und Dusche teilen, im Restaurant hält sich eine lautstarke Gruppe Wolfsforscher auf), Begeisterung auszulösen. Diese fehlende Begeisterung sollte sich übrigens bis zum Schluss nicht in grossem Umfang einstellen.

Mittwoch, 30. April                Bialowieza-Nationalpark
Am frühen Morgen besuchen wir den vor kurzem auf die doppelte Fläche vergrösserten Bialowieza-Nationalpark (seine jetztige Fläche beträgt über 100 qkm). Dieser liegt im letzten Waldkomplex Mitteleuropas, wo sich grössere Waldfragmente befinden, die noch ursprünglichen Charakter haben. Hier wachsen 1000 Gefässpflanzen, 308 Moosarten, 200 Flechtenarten und mehr als 1000 Pilzarten. Hier brüten auch 154 Vogelarten. In diesen Wäldern wurde nach dem ersten Weltkrieg eine Wisentpopulation aufgebaut. Jetzt leben hier etwa 250 Tiere.
Wir wandern los, obwohl Przemek noch nicht im Hotel eingetroffen ist. Beim Warten auf Przemek und den Führer am Parkeingang lernen wir Professor Tomialojc, einen der bekanntesten Ornithologen Polens, kennen. Bei seinem interessanten Spontanreferat über den Kernbeisser im Nationalpark vergeht die Zeit wie im Flug und schliesslich trifft auch Przemek mit dem Führer ein.
Die riesigen alten Bäume im Park beeindrucken alle, daneben erstaunt, dass der Halsbandschnäpper fast die häufigste Art im Nationalpark ist und das Gebiet wissenschaftlich enorm gut untersucht ist.
Nach dem Mittagessen kaufen wir im gut bestückten PTOP-Shop ornithologische Souvenirs ein, was zum Glück ziemlich lange dauert. Dadurch befinden wir uns noch im Bus, als ein heftiges Gewitter einen riesigen Wolkenbruch auslöst. Die Stimmung im Bus während des Wartens ist gut, die Zeit wird genutzt zum Guetzliessen und um im Schein der Taschenlampe nach Zecken zu suchen.
Eine anschliessende Fahrt durch das potentielle Wisentbeobachtungsgelände bleibt erfolglos. Die Abstimmung am Abend ergibt eine Mehrheit zugunsten einer nochmaligen Wisentpirsch zu Lasten der Birkhuhnbalz.

 
Bialowieza-Nationalpark: Eichen-Hagebuchen Wald   Wisente

Donnerstag, 1. Mai                Bialowieza-Wald
Die wenigen Frühaufsteher werden durch schöne Beobachtungen von zwei jungen Wisenten belohnt. Die beiden Wisente befinden sich nur wenige hundert Meter vom Wisentpark entfernt direkt neben der Strasse, welche tagsüber als Parkplatz dient. Die grossen Tiere lassen sich in aller Ruhe beobachten. Sobald sie sich aber hinsetzen, werden sie fast unsichtbar.
Eine Wanderung führt uns durch einen Erlenbruchwald mit einem etwas beschädigten Holzsteg, wal uns etwelche akrobatische Künste abverlangt. Danach holen wir die gestrige Flusstalexkursion nach. In beiden Fällen besuchen wir Wirtschaftswald, der extensiv genutzt wird und nach Meinung der polnischen Naturschützer ebenfalls vollständig unter Schutz gestellt werden sollte.
Der Besuch im Tierpark macht es möglich, den Wisent zu sehen, auch wenn man an der Morgenexkursion nicht teilgenommen hat.
Am Nachmittag haben wir Zeit, um auf eigene Faust den Schlosspark von Bialowieza zu besuchen. Dabei beeindrucken vor allem die in grosser Zahl angekommenen Wendehälse durch ihre lauten Rufe. Auch die Sprosser sind im Park reichlich vorhanden. Generell ist in diesen Tagen der Vogelzug eindrücklich: Am ersten Tag lässt sich eine bestimmte Vogelart jeweils einmal von Ferne hören oder sehen, am folgenden Tag wird sie mehrmals beobachtet und am dritten Tag ist sie in Massen anwesend.
Die abendliche Rauhfusskauzexkursion hinterlässt gemischte Gefühle. Dank Tonband können wir zwar den Sperlingskauz sehr schön sehen, der Rauhfusskauz wird aber nur kurz gehört. Die Frage, ob man überhaupt Vögel mit Hilfe von Tonbändern anlocken soll, bleibt offen. Sollte das ganze Gebiet einmal zum Nationalpark werden, wird sich diese Frage nicht mehr stellen, da im Nationalpark jegliches Anlocken verboten ist.

Freitag, 2. Mai                Bialowieza - Bug - Warschau
Die Fahrt nach Warschau (250 km) bringt uns beim Halt am Bug schöne Beobachtungen der Zwergseeschwalbe. Nach dem Bezug des Hotels Warschau (ein altgedienter Bau aus den Zeiten der Parteiherrschaft, in welchem die neue Zeit aber schon in verschiedenen Formen Einzug gehalten hat) besichtigen wir mit einer lokalen Führerin am späten Nachmittag die Stadt. Hier verabschieden wir unseren treuen Fahrer.
Nach einem schönen Abendessen in der Altstadt wandern wir gemütlich zum Hotel zurück.

Samstag, 3. Mai                Warschau - Wien
Dank guter Organisation durch Przemek verläuft die Fahrt zum Bahnhof auch ohne Bus problemlos. Am Hauptbahnhof von Warschau ist allerdings jegliche Vorsicht angebracht. Zwei dubiose Gestalten heften sich schon beim Aussteigen aus den Taxis an unsere Fersen und folgen uns auf das Perron. Als sie sich beobachtet fühlen, steigen sie in einen anfahrenden leeren Zug und lassen uns in Ruhe.
Die Fahrt mit dem Tageszug führt nicht durch die Nordkarpaten, sondern durch die den Geografen und Historikern bestens bekannte mährische Lücke nach Wien. Abgesehen von einer kleineren Diskussion über Zuschläge für im Gang deponierte Koffer verläuft die Reise ohne nennenswerte Probleme. Am Bekleidungszustand der lokalen Bevölkerung lässt sich unschwer ablesen, dass es fast mit jedem Kilometer, den wir weiter nach Süden kommen, fühlbar wärmer wird. In den Aussenbezirken von Wien sind die Leute am Baden und Sonnenbaden. Wir haben damit auf unserer Reise alle Phasen vom Spätwinter entlang der Küste mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und eisigem Wind bis zum Frühsommer durchlaufen.
Die Zeit in Wien wird genutzt, um in kleinen Gruppen das Nachtessen einzunehmen und die Altstadt zu besichtigen.

Sonntag, 4. Mai                Wien - Winterthur
Um 6.25 Uhr kommt die ganze Gruppe wohlbehalten in Zürich an, wo sich unsere Wege trennen.

Text: Hans Sigg

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