Zu zwölft sind wir am 28. August 2021 losgezogen, um im Oerlinger Ried Spätblühende und Grasblättrige Goldruten zu zupfen. Der Fleiss ist gross, die Säcke füllen sich und wenn der Rücken schmerzt, gibt’s einige Möglichkeiten: Sich strecken, Ausschau halten nach Vögeln, die gezupften Goldruten mit Schwung in den Jätsack entsorgen.

Bevor Sonja den Znüni serviert, zeigt uns Andreas Bosshard seinen eBeetle, den batteriebetriebenen Wiesensamenernter. Wie ein leise schnurrender Staubsauger fährt der eBeetle über die Wiese im Oerlinger Ried und sammelt einen Teil der Samen ein. Andreas ist Agrarökologe und Geschäftsführer von HoloSem. Die Firma hat sich auf autochthones Saatgut spezialisiert. Es wird lokales Saatgut geerntet und aufbereitet, um es später im lokalen Umfeld wieder auszusäen. Andreas sagt: «Mit unserem „Kopierverfahren“ für artenreiche Wiesen stellen wir sicher, dass die lokale Vielfalt an Arten und Ökotypen erhalten wird. Ein weiterer wichtiger Vorteil des Verfahrens gegenüber Standardsaatgut liegt darin, dass die angesäten Arten optimal an den Begrünungsstandort, das heisst den Boden und das lokale Klima angepasst sind.»

Das geerntete Saatgut kommt nächstes Jahr zum Einsatz. Die kantonale Fachstelle Naturschutz will den Wiesenspickel zwischen Ried und Autobahn ja ökologisch aufwerten. Die Drainagen werden aufgehoben, und zwei Mulden sind geplant, wo das Wasser stehen bleiben kann. Und die Wiesenflächen werden in Feuchtwiesen umgewandelt. Genau für diese Feuchtwiese hat Andreas die Samen gesammelt – und er hat sie genau dort gesammelt, wo wir seit Jahren konsequent die Goldruten jäten.