Pflanzung von Hochstammobstbäumen im Raum Gotzenwil und Eidberg – Bericht

Als wir uns am Samstagmorgen des 26. Nov. 2022 beim Schulhaus Oberseen besammelten, blinzelte die Sonne gerade über den Horizont und versprach uns einen goldenen Spätherbsttag. Voller Tatendrang marschierten wir zum Felsenhof, wo uns Moreno und Landwirt Geri Brunner offiziell begrüssten. Es folgte ein kleiner Abstecher in die Geschichte des Hochstamm-Obstbaus, den ich hier gerne noch etwas ergänze.

Ursprünglich von den Römern in Mitteleuropa eingeführt, prägten Hochstammobstbäume während Jahrhunderten das Landschaftsbild der Schweiz. Noch um 1950 war das Mittelland durchsetzt von 15 Millionen Hochstammbäumen, die zusammen mit anderen Strukturelementen wie Steinhaufen, Trockenmauern oder Hecken einer Vielzahl von Wildtieren Nahrungs- und Versteckmöglichkeiten boten. Dazu zählen heute bedrohte Arten wie beispielsweise der Gartenrotschwanz oder das Braune Langohr, die ausserhalb der alten Obstgärten kaum Ersatzlebensräume finden. Im Zug der “grünen Revolution” wurde die Landwirtschaft ab Mitte des 20. Jahrhunderts auf Effizienz und maximalen Ertrag getrimmt. Die alten Bäume und Kleinstrukturen mussten den immer grösser werdenden Maschinen weichen, Kunstdünger und Pestizide verdrängten die Vielfalt der Pflanzen- und Insektenarten im Kulturland und Niederstamm-Obstanlagen versprachen höheren Ertrag auf kleinerem Raum und in leicht erreichbarer Höhe. Hochstammobstbäume galten in diesem Verständnis als unwirtschaftlich, da sie relativ viel Platz brauchen und ein grosser Teil der Pflege- und Erntearbeit von Hand auf der Leiter bewältigt werden muss. Schliesslich führten auch Rodungsprämien und die Fällaktionen der Eidgenössischen Alkoholverwaltung, die damit dem übermässigen Schnapskonsum entgegen- wirken wollte, zu einem grossen Verlust in der Hochstammkultur. Heute stehen noch rund 2.3 Millionen Hochstammobstbäume über das Schweizer Mittelland verteilt. Immerhin wurde inzwischen der Wert der alten Tradition erkannt und es wird wieder vermehrt auf Hochstamm gesetzt, so auch in unserer Region. Seit Samstag stehen dank unserem Einsatz im Raum Gotzenwil und Eidberg rund 20 Apfel-, Birnen-, Zwetschgen- und Nussbäume mehr in der Landschaft.

Bäume pflanzen will gelernt sein, damit sie gut anwachsen und gedeihen können. So wurde uns im Anschluss gezeigt, wie das geht: Das Loch sollte ca. 1m Durchmesser haben und 50cm tief werden. Wenn dies erreicht ist, wird ein Pfosten eingeschlagen, der dem Baum Stabilität gibt, solange ihn seine Wurzeln nicht gut genug im Boden verankern. Das Loch wird mit einem Drahtnetz ausgekleidet, das oben dicht um den Baumstamm verschlossen werden muss, damit keine hungrigen Mäuschen eindringen und die Wurzeln anknabbern können. Das könnte dem Baum schaden oder ihn gar töten. Bei den Nussbäumen ist dies allerdings nicht nötig, da die Mäuse sie nicht mögen. Die Wurzeln der Bäume werden frisch angeschnitten, um ihr Wachstum anzuregen. Anschliessend darf der junge Baum nur so tief eingepflanzt werden, dass die Veredelungsstelle über der Erde bleibt, damit die “richtige” Sorte Wurzeln treibt und der “Erntesorte” genügend Wasser und Nährstoffe zur Verfügung stellen kann. Über die Wurzeln wird dann krümelige Erde geschüttet, die sich möglichst gut in alle Zwischenräume verteilen soll. Zum Schluss wird der Baumstamm am Pfosten angebunden und mit einer Schutzhülle versehen, die ihn vor Verletzungen und Sonnenbrand oder Frostsprengung schützt. Damit war der erste Baum gepflanzt. Während die arbeitenden Männer inzwischen Jacken und Mützen ausgezogen hatten, waren wir Zuschauenden froh, dass wir nun ebenfalls anpacken und wieder warm bekommen konnten.

Beim Schaufeln begegneten wir unzähligen Regenwürmern in allen möglichen Dicken und Längen. Geri nennt sie nicht von Ungefähr seine Mitarbeiter, bringen sie doch abgestorbene Pflanzenreste und damit Nährstoffe in den Boden, sorgen mit ihren Gängen für frische Luft für alle Bodenlebewesen und ermöglichen den Wasserabfluss nach Regenfällen. Trotz aller Vorsicht konnten wir nicht alle Würmer vor der Schaufel und dem Pickel retten – hoffen wir doch, dass jeweils nur die eine Hälfte stirbt und die andere weiterlebt, wie das bei einigen Arten möglich ist.

Bis zum Mittag waren Arm- und Rückenmuskeln müde, die Schuhe dreckverklebt, auch unsere Jacken längst ausgezogen und ein schöner Teil der Bäume gepflanzt. Für unseren Einsatz wurden wir zum Abschluss mit einem leckeren kalten Buffet und mit hofeigenem Süssmost belohnt. Vielen Dank dafür! Die meisten Helfer:innen verabschiedeten sich anschliessend, während ein paar Unentwegte noch nicht genug hatten und weitere sechs Bäume pflanzten. Insgesamt kamen wir damit auf die erfolgreiche Bilanz von rund 20 neuen Hochstammobst- und Nussbaumkindern, die hoffentlich zu stattlichen Bäumen heranwachsen und die Landschaft in Zukunft um einen vielfältigen Lebensraum bereichern werden. Ich wünsche ihnen gutes Gedeihen.

Katrin Junker

Quelle der geschichtlichen und ökologischen Infos: Hochstamm Suisse (2018). HOCHSTAMM SUISSE. Früchte, Geschichte, Bedeutung und Biodiversität. Basel. www.hochstamm-suisse.ch